Wer sich in den "sozialen" Medien und in Foren herumtreibt, hat sicherlich schon oft festgestellt: der Umgangston wird immer gehässiger. Unflätige Beschimpfungen sind an der Tagesordnung, und weil Medien wie Facebook und Twitter im Gegensatz zu Foren nicht moderiert werden, bleiben Über- und Untergriffe dieser Art stehen, außer jemand beschwert sich beim Medium.

Wie ist solche weitverbreitete Bösartigkeit nur möglich?

Wie schon im vorherigen Kommentar gesagt: es ist das Schablonendenken der Leute. Rechts - Links. Gut - Böse. Schwarz - weiß. Dazu kommt die Hemmungslosigkeit, die im Internet gepflegt wird. Man ist anonym. Da kann man sich gehenlassen. Schlimmstenfalls wird der Account gesperrt, dann macht man halt einen neuen und trollt hemmungslos weiter. Eine Freundin erzählte mir, gute Bekannte von ihr schließen sich im Alltag immer der gemäßigten politischen Meinung der Gesprächspartner an, aber sie hat entdeckt, daß sie in Facebook grundsätzlich rechtsextreme Beiträge teilen. Ja, da sind sie anonym und müssen keine Sorge haben, auf Gegenwind zu stoßen. Es liegt ein Gutteil Feigheit in diesem Verhalten, man tritt nicht mehr für etwas ein, man ist nur mehr gegen ... was auch immer. Zivilcourage? Na, die war immer schon selten, heute ist sie noch seltener.

Das zeigen auch die Demonstrationen. Man demonstriert gegen ... niemals für etwas. Es ist gut, Widerstand zu leisten - aber vor etwas, nicht erst hinterher.

Es ist die Denkfaulheit der Mehrheit unserer Bevölkerung, die sich von Schlagzeilen, von Schlagworten und Gedankenfächern einfangen läßt. Mit Stammtischsprüchen macht man heute Politik. Es muß alles vereinfacht rübergebracht werden, damit der Denkapparat des Stimmviehs nicht angestrengt wird. Vor allem kann man darauf bauen, daß Neid, Gier und Mißgunst allgegenwärtig sind und nur aktiviert werden müssen, um das gewünscht Ergebnis zu erzielen.

Eine Gesellschaft, die gleichmäßig arm ist, wird kaum Neid entwickeln. Eine Wohlstandsgesellschaft wie unsere hat komplett darauf vergessen, daß Geben seliger ist als Nehmen und daß Teilen die Freude erhöht. Das ist nicht wahr? Wir spenden ja auf Teufel komm raus - vor allem vor Weihnachen für Licht ins Dunkel - und geben unsere alten Klamotten in den Altkleidercontainer der Caritas. Wie sozial wir doch sind ... aber Menschen von außen, die an unserer Wohlstandsgesellschaft teilhaben wollen, weil unsere Konzerne ihre Länder verwüsten, die schicken wir zurück - in die Hände von Mördern - oder lassen sie in ihren Nußschalen ertrinken und in Konzentrationslagern - Verzeihung, Flüchtlingslagern - umkommen.

Ja, die Menschlichkeit ist längst auf der Strecke geblieben. Der Andere ist fern von uns, wir kennen unsere Nachbarn kaum mehr, unsere Kinder wachsen als Einzelkinder allein vor Fernseher oder Computer auf und spielen Kampfspiele. Ihr Blick auf die Welt ist total verzerrt und das wirkt sich auch bei den Erwachsenen aus. Der Mitmensch ist uns egal, wir kennen ihn ja nicht. Und was wir nicht kennen, kann man fürchten, weil es anders ist, und was man fürchtet, wird man irgendwann hassen.

Wohin geht unsere Gesellschaft?

 

Jänner 2019