Natürlich mache ich mir auch Gedanken über den sogenannten Brexit, immerhin haben wir liebe Freunde in Schottland und auch an die Highlands unser Herz verloren. Aber auch virtuelle Freunde in England und Wales liegen uns am Herzen.  Deshalb erschüttert mich die Abwicklung eines EU-Austrittes nach dem Modus der Regierung in London besonders.

Wie man sich so unvorbereitet auf den "worst case" in eine Volksabstimmung zum Thema EU gehen konnte ist mir ein Rätsel. Mir ist bewußt, daß die Abstimmung nur deshalb bewilligt wurde, weil Cameron die Wahl gewinnen wollte. Nach all den Lügen über die EU, die von der Regierungspropaganda für jedes Versagen der britischen Regierung verantwortlich gemacht wurde, war ein solches Ergebnis ja zu erwarten. Vor allem die alten Engländer, die sich häuslich in ihrem - inzwischen imaginären - Empire eingerichtet haben, werden davor gewaltig beeinflußt. Rule Britannia - des Engländers wunder Punkt.

Was die Briten kaum wußten und wissen: das UK hatte und hat einen bemerkenswerten Sonderstatus und jede Menge Sondervereinbarungen mit der EU. Mit dem Brexit fällt das natürlich alles weg. "Wir können es ja probieren (auszutreten), wenn es nicht funktioniert, gehen wir halt wieder dazu." meinte eine interviewte Britin vor der Abstimmung. Inzwischen wird sie wissen, daß es so nicht geht.

Was ich nicht verstehen kann: wie kann eine Nation sich einbilden, daß die EU ihr zuliebe alle Regeln brechen wird? Die britische Regierung hat ihren Bürgern versprochen, daß sich nach dem Austritt nichts ändern bzw. alles besser werden wird. Inzwischen ist das Pfund gravierend gefallen, für den kleinen Mann auf der Insel - bzw. den Inseln - ist alles teurer geworden und in Nordirland wird man sich mit Schrecken der Tatsache bewußt, restlos isoliert zu sein. Es fehlen jetzt schon etliche Importwaren in den Regalen der Supermärkte, Waren des alltäglichen Gebrauchs. Viele internationale Großbetriebe haben die Insel inzwischen verlassen oder bereiten sich auf den Abzug vor, das bedeutet den Verlust unzähliger Arbeitsplätze. Die Londoner City ist restlos verärgert: ihr Status als wichtigster europäischer Bankenplatz ist dahin, denn sogar die britischen Banken sind im Aufbruch begriffen.

Die Unsicherheit ist groß, bei den Briten ebenso wie bei den im UK arbeitenden nicht-britischen EU-Bürgern. Trotzdem geht in London der Kampf der Parteien gegeneinander und gegen die Regierung der Theresa May weiter. Sie hat mit der EU einen vernünftigen Austrittsvertrag ausgehandelt, der auch die prekäre Lage Nordirlands berücksichtigt. Das Parlament hat diesen Vertrag abgelehnt. Nachverhandlungen mit der EU sind nicht möglich, das Papier hat seine endgültige Form erhalten. Am 29. März 2019 tritt der Brexit in Kraft - wird der Vertrag nicht in letzter Minute noch vom Parlament ratifiziert, kommt es zu einem No-Deal-Brexit, das heißt, ungeregelten Austritt.

Das wäre noch nicht so fürchterlich, hätte die Regierung vorgesorgt und alle Enzelverträge unter Dach und Fach. Hat sie aber nicht. Sie mußte nämlich erst erfahren, daß es sich als Einzelstaat wesentlich härter verhandelt denn als Mitglied einer Union. Nicht einmal ein Viertel der anstehenden Aufgaben wurde erledigt und können in der kurzen, noch verbleibenden Zeit auch nicht erledigt werden.

Man fragt sich allen Ernstes: was hat die Regierung in den zwei Jahren seit dem Referendum eigentlich gemacht? Die Antwort: Grabenkämpfe ausgetragen, anstatt sich um einen geordneten Rückzug zu kümmern. Dem trägt die EU jetzt Rechnung, indem sie die Option einer Verlängerung der Austrittsphase bis zu 2 Jahren anbietet.

Zur Zeit des Empires hieß es weltweit: Gott strafe England. Das UK ist gestraft, nicht nur England. Das ist kein Grund zur Genugtuung: der Austritt ist auf jeden Fall eine Schwächung der EU und wird dem UK auch nicht sonderlich gut bekommen. Es geht um Menschen, ihre Lebensqualität, ihre Arbeitsplätze.

Das scheint den britischen Abgeordneten aller Parteien egal zu sein.

 

Februar 2019