Purzel war der Wellensittich meiner Schwiegermutter, ein hübscher kleiner Kerl mit viel Gelb und etwas Grün. Eigentlich, so erzählte sie mir, wollte sie ja kein Haustier, aber ihr Mann brachte ihn ihr eines Tages und so zog ein kleiner Freund ein.

Meine Bekanntschaft mit Purzel begann im Juli 1986, als ich meine künftige Schwiegermutter das erste Mal in ihrem Zweitheim in den steirischen Bergen besuchte. Er spazierte über den großen Küchentisch, als gehöre ihm die Welt, und plauderte vor sich hin. Sein gewaltiger Wortschatz verblüffte und faszinierte mich. Dann zog meine Schwiegermutter zu ihrer verwitweten, blinden Mutter in das Altenheim, um sie zu pflegen und konnte den Vogel nicht mitnehmen. Es dauerte 6 Monate bis sie ihn wieder bei sich haben konnte. Sie fragte uns, ob wir uns seiner annehmen könnten. Ja, natürlich - er bekam sein kleines Zuhause in einer zugfreien, hellen Ecke im Wohnzimmer aufgestellt und wir ließen das Türchen offen, damit er sich umsehen konnte.

Tagelang verließ er "seine Burg" nicht, aber als ich am 4. Tag seines Einzugs wieder einmal das Türchen schloß, damit wir lüften konnten, bekam er einen Wutanfall. Er schlug mit den Flügel, rüttelte mit den Füßchen an der Türe und beschimpfte uns in voller Lautstärke. Damit tobte er sich in mein Herz. Nach diesem Intermezzo verließ er seinen Käfig und erkundete unsere Wohnung, mit der er bald ganz vertraut wurde. Von da an nahm er an unserem Leben teil. Er aß mit uns - wir legten den Tellerrand mit seinen Lieblingskörnern aus, damit er sich nicht an unserem Essen vergriff, und er war ganz zufrieden, weil er mit uns essen durfte.

Ich mußte recht früh zu Mittag essen, weil mein Dienst um 12.00 Uhr mittags anfing, also aßen Purzel und ich auf gewohnte Weise miteinander, dann mußte ich mich zurücklehnen, damit er es sich auf meiner Brust bequem machen konnte; er steckte seinen Kopf unter einen Flügel und schlief da tief und fest genau 20 Minuten, in denen ich darum kämpfte, nicht auch einzuschlafen. Das war doch zu beruhigend!

Fernsehen durfte er nicht, wir deckten ihn immer zu, damit ihn keine schädliche Strahlung erreichte. Gewöhnlich schlief er dann tief und fest. Aber als wir uns Ben Hur ansahen, geriet er außer Rand und Band. Diese pathetische Musik regte ihn an und er spulte seinen ganzen Wortschatz ab - und der reichte für den kompletten Film. Hinterher war er total erschöpft und das war unser einziger Ausflug ins Reich der dramatischen Filme.

Purzel verblüffte uns immer wieder mit zielgerichteten Ansagen. Griff einer von uns zum Lichtschalter, kam von Purzel 100%ig "klick-klick", ein Schnalzlaut. Spiegelte sich das Abendrot in den Fenstern des Nachbarhauses, reagierte Purzel mit "Abendrot - Schönwetterbot!" 

Als er ins Heim nachgeholt wurde, freundete er sich mit der Heimleiterin, einer überaus gutherzigen jungen Frau, an. Sooft sie bei Großmutter und Mutter saß, benützte Purzel ihren doch recht umfangreichen Busen als Rastplatz. Eines Tages scherzten die drei Frauen miteinander und die Heimleiterin lachte herzlich, sodaß Purzel auf seinem Lieblingsplatz ganz schön durchgeschaukelt wurde. Er dreht sich zu ihrem Gesicht und sagte: "Bischa dumm-dumm!" Das war kontraproduktiv, denn sie lachte jetzt noch viel mehr.

Purzel wurde mit mir ganz vertraut. Wir verbrachten jedes Jahr mindestens 3 Wochen miteinander, wenn meine Schwiemu mit ihrem Bruder und dessen Frau in Urlaub fuhr. Seine Anhänglichkeit ging so weit, daß er mir sogar ins dunkle Schlafzimmer nachflog - oder durch den dunklen Vorraum in die Küche, was Vögel gewöhnlich nicht tun. Verließ ich das Wohnzimmer und er konnte mir nicht folgen, so rief er nach mir - immer lauter, bis ich endlich wiederkam, sehr zur Erheiterung meines Mannes.

Vogelhirn? Davon redet auch nur jemand, der keine Ahnung hat. Ich hatte einen Mürbteigkuchen mit Schnee gebacken und Purzel hatte es auf den Eischnee abgesehen, der schmeckte ihm. Ein Jahr später war unser Purzel wieder bei uns. Als ich in der Wohnzimmertüre mit der Kuchenplatte erschien, begann Purzel wie verrückt zu schreien und an seinem Türchen zu rütteln - er hatte den Kuchen sofort erkannt! Von wegen Vogelhirn ... Seither heißt dieser Kuchen nur mehr Purzelkuchen.

Purzel wurde für mich zu einem entzückenden kleinen Kameraden und ich freute mich immer, wenn ich ihn bei mir haben durfte. Leider wurde er im Alter von 11 Jahren krank und starb. Vergessen haben wir ihn nicht und vielleicht finde ich bei der nächsten Wohnzimmer-Renovierung ja wieder ein Federchen von ihm?