In einem Zwinger von Wiener Neustadt suchte meine Mutter sich einen Airedale-Terrier aus. Als der Zug mit dem Welpen ankam, drückte die Züchterin ihr zwei Schwestern in den Arm und sagte auf Muttis Protest hin: "Nehmen Sie Beide, die andere wollte die Frau eines Fabriksbesitzers haben, aber der hysterischen Kuh gebe ich keinen Hund! Die Zweite kostet auch nichts, Hauptsache Sie nehmen Beide."

So kamen Lys und Lady zu uns. Im Autobus waren die Hundebabies die Attraktion und auch Troll, ein spanischer Hütehund, schwarzbraun, dunkel und sehr ruhig, nahm sie zu Muttis Entsetzen zur Kenntnis, 

Die beiden Schwestern wuchsen schnell heran und entpuppten sich als völlig unterschiedliche Charaktere. Lady (ihr Name war Programm) war offen, herzlich und geradeheraus, Lys war raffiniert, eine Heimlichtuerin und verfiel immer auf die tollsten Streiche, die sie ihrer naiven Schwester in die Schuhe - ähm - Pfoten schob. Als Mutti das herausbekam und statt der ertappten Lady die gute Lys verhaute, hatte das schlagartig ein Ende.

Eines Tages bat die Züchterin die Eltern um einen der Hunde, weil ihre Zuchthündin von "freundlichen" Nachbarn vergiftet worden war. Als die Leute kamen, verschwand Lady spurlos, während Lys sie freundlich begrüßte und anstandslos mit ihnen ging, als sie abreisten. Lady aber tauchte frohgemut aus der Versenkung auf, als die Zwei abgezogen waren.

Meine Mutter war im Hundeverein und mit unserer Lady regelmäßig auf dem Abrichteplatz. Ich ging riesig gerne mit und spielte mit den Hunden dort, ich war mit allen gut Freund. Der Abrichter war ein herzensguter Mensch, der auch viel von Hunden verstand, und er war Ladys Freund. Also machte unser Hund keine Schutzarbeit, weil sie nicht einsehen konnte, daß sie auf ihren Freund losgehen sollte.

Und doch: als zwei Burschen bei uns einbrachen, um Trauben zu stehlen, legte unsere Lady perfekte Polizeischule hin. Sie sprang mit einem Riesensatz den vorderen der beiden Diebe an, warf ihn auf den Rücken und stellte sich über ihn, die Arme fixiert und die Zähne an der Kehle. So wartete sie auf meinen Befehl. Zum Glück erstarrte der Andere und rührte sich nicht vor Schreck und so konnte ich sie mit einem Entsetzensschrei zurückrufen. Sie kam auch sofort, ihre Schulter an meinem linken Knie und gespannt wie ein Bogen. Ich deutete den zwei Männern zu verschwinden, was sie auch flugs taten. Sie rannten, bis ich sie nicht mehr sehen konnte.

Lady übernahm auch immer gern Verantwortung. Man mußte nur sagen: "Lady, paß bitte auf ... auf." und sie vorlor ihren Schützling nie aus den Augen. Ob das Gucky, mein Chinchilla, war, der an ihren Bauch geschmiegt schlief oder Krabbi, die Schildkröte, die im Garten nach Nahrung suchte, Lady beschützte ihre Familie.

Sie hatte auch Verehrer. Troll war einer davon, er besuchte sie jeden Tag und sie steckten die Nasen zusammen. Er hatte sehr gute Manieren, war ein netter Hund, auch wenn er furchtbar finster aussah mit seinen dunklen Zotteln, und wir waren Freunde. Der andere Freund unserer Lady war Hatschi, der Rottweiler des Tischlers. Sein Spitzname stammte von seiner gemütlichen Gangart, er war Hundeadel mit dem entsprechenden Namen. Hatschi war auch so ein lieber Spielgefährte für mich und er und Lady kamen gern zusammen. Sie spielten auch viel miteinander, aber wenn Lady genug hatte und der gute Hatschi das nicht akzeptierte, schob Lady ihre Schulter eine Spur vor und der anrennende Hatschi schlug einen gewaltigen Purzelbaumm schüttelte sich und hatte endlich kapiert, daß er Ruhe geben sollte.

Unsere Lady war sich ihrer Weiblichkeit voll bewußt. Rüden tanzten grundsätzlich nach ihrer Pfeife und das hatte mit Läufigkeit überhaupt nichts zu tun (Lady war sterilisiert und wurde nicht läufig). Eine gute Bekannte meiner Mutter sagte einmal: "Ein bißchen kokett ist Ihre Lady schon!" und Mutti antwortete mit der Gegenfrage: "Ein bißchen?"

Uns Kindern war sie Beschützerin, Erzieherin (sie konnte Streit nicht leiden und schubste den Verursacher grundsätzlich um) und Freundin.

Bei Ausstellungen, die Mutti auf die Bitte der Züchterin hin besuchte, war Lady grundsätzlich Champion ihrer Rasse. Sie wußte das auch. So sehr sie auch dahinhatschte, mit hängenden Ohren, hängendem Schwanz - sobald das Klicken einer Kamera ertönte, wurde sie zum Lippizzaner: Kopf hoch, Ohren vorgelegt, Schwanz gehoben und ein Gang wie ein Dressurpferd. 

Ein schöner Hund und ein wundervoller Charakter mit viel Humor, so würde ich sie beschreiben.

Lady, du Unvergleichliche, du bist mit mir aufgewachsen wie eine Schwester, nur warst du mir leider Jahrzehnte voraus. Du hast mich eine ganze Menge gelehrt und ich habe nichts vergessen. Danke, liebe Hundefreundin und Hundeschwester!