Vor wenigen Jahrzehnten war für Moral und Ethik die Kirche zuständig, in Österreich vorwiegend die katholische Kirche. In der zweiten Republik hat man die Trennung von Staat und Kirche vereinbart. Damit hat die Kirche das Recht verloren, sich in staatliche Belange einzumischen, dafür wird der Kirchenbeitrag nach dem Lohn bemessen.

Der Religionsunterricht in den Schulen ist nur mehr freiwillig und wird von vielen Schülern gestrichen. So bleiben nur mehr die Eltern übrig, den Kindern die Grundbegriffe von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, von Menschen- und Tierfreundlichkeit und Barmherzigkeit und Grausamkeit beizubringen. Tun sie das?

Je mehr ich sehe und höre, umso weniger glaube ich daran. Wir leben in einer Zeit des Mobbings und der Rücksichtslosigkieit, des Egoismus und der Feindseligkeit allem und allen gegenüber, die auch nur eine Spur anders sind. Wir beschwichtigen unser Gewissen mit hübschen Spenden für Licht ins Dunkel vor Weihnachten und weisen alle Menschen, die bei uns Schutz suchen, zurück. 

Es ist auffallend, wie unterschiedlich Menschen auf einander in armen und reichen Gegenden reagieren. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, den Willen, auch das Wenige zu teilen, findet man heute nur mehr in armen Gesellschaften. Je weniger Menschen haben, umso eher sind sie bereit, das Wenige zu teilen. 

In unseren Ländern leben wir für einen Großteil der Welt in unvorstellbarem Luxus. Wir haben viel mehr als wir brauchen, ein schönes Haus oder eine schöne Wohnung, gute Kleidung für jede Jahreszeit, ein Auto oder auch mehrere, ein festes Einkommen, eine flächendeckende Kranken- und Altersversorgung, gute Schulen, die von jedem Kind erreicht werden können, Freizeit und die Möglichkeit, Urlaub zu machen. Wir sitzen fest auf unserem Bankkonto und auch die entfernteste Möglichkeit, ein bißchen davon abgeben zu müssen, macht uns bereits krank und agressiv.

Wir können uns gar nicht vorstellen, wie das Leben in weiten Teilen der Welt aussieht, wo medizinische Versorgung (von Altersversorgung gar nicht zu reden) und Schulen fehlen, wo man viele Kilometer gehen muß, um an Trinkwasser zu gelangen, das oft nicht einmal sauber ist. Unsere Kinder hassen die Schule und haben keine Vorstellung davon, was Kinder in anderen Ländern unternehmen, um überhaupt eine Schule besuchen zu können. Es gibt Kinder, die sind bis zu 8 Stunden zu Fuß unterwegs, auf gefährlichsten Wegen, damit sie eine Straße erreichen, auf der sie in die Schule kommen können. Sie wohnen dort in einer Art Internat und müssen denselben Weg an schulfreien Tagen wieder nach Hause wandern - und dann wieder zurück in die Schule. Es gibt Kinder, die sich nichts sehnlicher wünschen, als eine Schule besuchen zu können, aber die nächste Schule ist ein paar Hundert Kilometer entfernt und es gibt keine Verkehrsmittel, um hinzukommen.

Wir haben keine Ahnung, was es heißt, auf engstem Raum zusammenleben zu müssen, mitten in Schrott und Schmutz, ohne Müllabfuhr, ohne Elektrizität, ohne fließendes Wasser, ohne Kanal, ohne Toiletten, ohne Sicherheit auf den Straßen. Wir können uns nicht im entferntesten vorstellen, was es heißt, hinter jeder Ecke einen Feind vermuten zu müssen. Wer von uns muß jeden Augenblick damit rechnen, auf offener Straße überfallen, zusammengeschlagen, vergewaltigt zu werden? Wer von uns muß befürchten, daß seine Kinder entführt werden, um Lösegeld zu erpressen?

Wir wollen uns das auch nicht vorstellen. Wir wollen uns nicht der Realität stellen, daß zwei Drittel der Menschheit in Armut und unter lebensgefährlichen Umständen leben müssen. Nein, das wollen wir alles nicht wissen. Lieber denken wir uns, daß all das Elend selbstverschuldet ist. Es muß ja keiner im Schmutz leben, er könnte ja putzen. Er muß ja nicht in den Slums bleiben, soll arbeiten und woanders hinziehen. Was arbeiten?

Hm.

In einem Gespräch über die Not der einfachen Leute in Griechenland stellte sich die ganze Mitleidlosigkeit und Gedankenlosigkeit unserer Leute heraus. Als wir darüber redeten, daß die kleinen Betriebe durch die Mißwirtschaft der griechischen Regierung kaputtgehen und eine Menge Leute ohne Arbeit, ohne Sozialhilfe und ohne Aussichten auf der Straße stehen, äußerte sich einer der Gesprächsteilnehmer, der über ein dickes Bankkonto verfügt und auch über die körperliche Statur, die das Wohlleben verursacht, ganz einfach: "Die sollen halt was anderes machen."

Auf die Frage "was sollen sie machen ohne Grund und Boden, mitten in der Großstadt, ohne Kapital?" wußte er auch keine Antwort. Aber: "bei uns haben sie nichts verloren!"

Afrika drängt in Form junger Männer nach Europa und Europa sperrt sie in Konzentrationslager. Sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge, die dürfen ruhig ersaufen oder in Libyen massakriert werden. Warum kommen sie zu uns?

Ganz einfach: weil wir ihre Länder ausbeuten und ihre Lebensgrundlage zerstören. Weil unsere Konzerne korrupte Regierungen unterstützen und dafür Konzessionen auf die Bodenschätze erhalten. Da kommen sie dann mit ihren großen Maschinen, machen aus afrikanischem Urwald eine vergiftete Mondlandschaft, aus der die Bewohner wegziehen müssen, ohne Alternative, und bauen - Straßen. Sie bauen keine Krankenhäuser, keine Schulen, keine Brunnen, sie bauen Straßen, damit ihre schweren Geräte leichter von einem Bergbaugebiet zum anderen kommen. Sie schaffen auch keine Arbeitsplätze, denn die Maschinen können nur von gut ausgebildeten Leuten bedient werden und Hilfskräfte braucht man da nicht.

Sie legen Plantagen an, die von asiatischen Tagelöhnern billig bearbeitet werden. Die einheimische Bevölkerung darf zuschauen, sofern sie nicht einfach vertrieben wird.

Sie unterstützen Stammeskriege, damit sie billig zu Land kommen, das sie auf der Suche nach Bodenschätzen verwüsten.

Sie verkaufen Waffen und Kriegsmaterial, wie Minen, an kriegführende Stämme.

Sie verkaufen Medikamente und Pestizide, die bei uns als lebensgefährlich verboten wurden, an die afrikanischen Länder, wo sie Menschen und Böden vergiften.

Sie laden ihren Müll in den afrikanischen Ländern ab unter dem verlogenen Vorwand die Einheimischen finden Arbeit bei der Trennung der Bestandteile elektronischer Geräte und können das Material verkaufen. Können sie nicht. Sie sind nur Sklaven, denen die Materialien um ein paar Cent abgekauft werden und hier um teures Geld wieder in Geräte eingebaut werden. 

Und dann schreien die Leute bei uns Zeter und Mordio über die "Wirtschaftsflüchtlinge", über Menschen, die hoffen, daß sie in unseren Ländern den Wohlstand finden, den wir ihnen in ihrer Heimat rauben.

Europa, du bist eine einzige Lüge und Schande und eine Mordbande noch dazu. Unsere gewählten, angeblich christlichen Regierungen nehmen den Tod tausender Menschen billigend in Kauf - und so etwas nenne ich Mord.

August 2018